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06.07 2007 Freitag,
11:39
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Einleitung
Diesen Brief fand ich, dazumal noch mit Schreibmaschine getippt, in einem verstaubten Ordner. Er ging an unseren Freund Dänu Siegrist (Ex Gitarrist von Polo Hofer, Dänu Siegrist Band), welcher uns mit seiner Mutter Gemma in Groppo/Manarola (Cinque Terre), besucht hatte.
Hinter Carrara (Toscana) liegen die berühmten Steinbrüche, in welchen bereits Michelangelo seinen Block für Davide ausgesucht hat. Die Stadt schreibt im 2 Jahres Rhythmus einen int. Skulpturenwettbewerb aus, bei dem die eingeladenen KünstlerInnen, welche aus allen Teilen der Welt kommen, in einem Park im Zentrum der Stadt einen grossen Marmorblock zur Verfügung gestellt bekommen und 14 Tage Zeit haben, daraus eine Skulptur zu formen, welche anschliessend in den Besitz der Stadt Carrara übergeht. Begeleitet wird dieser Anlass von einem reichhaltigen Rahmenprogramm, welches uns immer aus der nahen Cinque Terre nach Carrara lockte.
Post aus Groppo, lieber Dänu
Die Adresse von Gemma haben wir fast schon natürlich wieder vergessen. Bleibt die Hoffnung, dass sich Gemma freut von derartigen Schwachsinnszeilen aus unserem überaus liebenswerten Inzuchtdorf wenigstens vorläufig verschont zu bleiben.
Dein heisses, politisch glücklicherweise unkorrektes Feiertagsspaktakel in der Kuppel (Veranstaltungsort in Basel/CH/mm) hast du wie wir lesen konnten nicht nur aufgeführt, sondern dich vorausvergabt und dafür ein grosses Feedback erhalten, also die Batterien wieder ordentlich aufgeladen.
Bei uns läuft inzwischen so richtig das Sommer Programm. In Carrara werden auf einer Piazza (Platz) im Zentrum der Stadt 14 Tage lang aus ziemlich monströsen Marmorblöcken Skulpturen geschlagen, gefräst und geschnitten.
Ziemlich geiler Anlass, SkultpeurInnen aus Vietnam, Japan, Honduras. Armenien, Australien, USA, Frankreich, Spanien, Italien und klarerweise der unvermeidliche Piefke, werken im Auftrag und gegen Honorar der Comune (Gemeinde), letztere übernimmt die Kosten und anschliessend die Werke um sie in einem weitläufigen Park auf- und auszustellen, böse Zungen sprechen von entsorgen.
Im Rahmenprogramm laufen zum Teil echt starke Konzerte auf der zentralen Piazza in Carrara und Claudia und ich sind fast täglich unterwegs Richtung Carrara.
Das Programm: den Stand der Arbeiten betrachten, ein wenig mit den KünstlerInnen plaudern, gut Essen gehen, ordentlich saufen, die Konzerte geniessen.
Hinsichtlich des Themas Konzerte geniessen haben Claudia und ich etwas konträre Ansichten. Vor einigen Tagen spielte eine siebzehn Mann starke Band aus Kuba süffigsten Latinosound. Während Claudia Feuer unter ihrem heissen Arsch verspürte und sofort Richtung Bühne zum abtanzen verschwand, beschenkte ich mich an der Bar am Rand des Platzes mit einer Flasche Prosecco und knallte meinen nicht mehr ganz einwandfreien fast Knackarsch in einen der stabilen, Sicherheit ausstrahlenden Plastiksessel der Bar, fest entschlossen, mich die nächsten zwei Stunden nicht mehr zu erheben.
Bei der anschliessenden kurvigen Heimfahrt mussten wir im besten Einvernehmen am sandigen Strand von Carrara noch einen Bumshalt einlegen. Trotz dem blöden Sand überall – besonders unangenehm im Arschspalt – kann niemand behaupten es gebe nicht auch für gesetztere Semester durchaus gelungene Anlässe.
In unserem Garten geht inzwischen derart unheimlich die Post ab, dass wir gelegentlich sogar mit Hapftpflichtfragen konfrontiert waren.
Vor ein paar Tagen stürzten wir uns mitten in das Abenteuer, unsere ausreichend grossen, wunderbar dunkelroten Tomaten im Garten zu ernten. Eine dieser Tomaten vom Baum geschnitten und mit vor Anstrengung verzerrten Gesichtern Richtung Gartentor gerollt, geschah was – na, das erwartete Unglück natürlich.
Bevor wir auch nur versuchen konnten, dass ziemlich kugelförmige, vor Saft strotzende, von aussen sich kautschukartig anfühlende und ungefähr vierundachtzig Kilo schwere hausgezogene Tomatenmonsterchen hochzuwuchten, begann sie über die erste Treppenstufe zu rollen.
Der Versuch, sie zu stoppen endete damit, dass sie mich im Bereich der dritten Treppenstufe überrollte, wovon heute noch eine bläulich schimmernde Quetschung im Brustbereich zeugt, anschliessend einen fast niedlich anzusehenden Hüpfer über die nächste Stufe machte, dabei bei jedem Aufprall aberwitzige geometrische Formen bildend um sich mit stetig steigender Geschindigkeit Richtung Dorfausgang zu verflüchtigen.
Während ich also ziemlich geplättet auf der Steintreppe hing, Claudia zwischen den gespreizten Fingern ihrer rechten Hand das unheimliche Geschehen verfolgte, in derart unterschiedlich, gemeinsam aufgeregter Verfassung staunten wir, wie eine Ellipse, ein Viereck, Quadrat, Zylinder und der Dinge mehr, die da eventuell noch wären nachsahen, wohl wissend, wenn auch ungern glaubend, dass es sich in Wahrheit um unsere Tomate handelte, welche mit inzwischen rasender Geschwindigkeit um die nächste Hausecke zischte und unserem Blickfeld entschwand.
Claudia wie eine Gazelle, ich nach Luft ringend wie ein überfahrener Regenwurm, machten uns an die Verfolgung unseres Früchtchens.
Aus der engen Gasse auf die Strasse einbiegend, bot sich uns ein Bild, dessen Tragik wir auf Anhieb nicht erkennen konnten, ein Bild, dass uns vielmehr zu völlig unangebrachten, hemmungslosen Gelächter, zu wahren Lachsalven hinriss.
Auf dem Parkplatz unterhalb von dem Dorf stand, soweit erkennbar, ein ehemals wohl zitronengelbes Cabriolet samt stolzen Besitzer auf dem Fahrersitz, Fahrer wie Cabrio leicht zerbeult und wie erst beim näher kommen richtig erkennbar, von unserer geflüchteten, inzwischen offenbar zerplatzten, überaus saftigen Tomate gefüllt.
Der Fahrer des Wagens, mit seinem Sugo verklebten Mund, Augen, Ohren, Nase und Haaren unserer Tomate zum verwechseln ähnlich sehend, versuchte mit einer geradezu verzweifelt lässig anzusehenden Handbewegung, sein Gesicht von dem einen süsslichen Duft verströmenden roten Brei zu säubern.
Seine erste einigermassen verständliche Ansage war „schmeckt echt gut“, wir kamen nicht umhin, dem Jungen Klasse zu attestieren. Auf dieser Basis baute auch unsere nachfolgende Vereinbarung auf, die wir schnell unter Dach und Fach brachten.
Wir würden ihm die Überreste unserer Tomate kostenfrei überlassen, er übernimmt im Gegenzug den Aufwand für die Beseitigung der Folgen des Unfalles infolge unkontrollierter Tomatenflucht.
Nun, eine Woche lang konnten wir jedes Mal, wenn wir am Parkplatz vorbeikamen feststellen, dass der Kerl offenbar Hunger hatte und als ohne Zweifel ausgeprägter Liebhaber von Tomatenbrei, mit der Spurenbeseitigung recht zügig vorankam.
Nach dieser Woche sahen wir ihn nur noch einmal, mit dem nun schon fast wieder zitronenfaltergelben Restcabriolet, wie er sich mit heraushängender Zunge geniesserisch am Kühlergriff und anschliessend am ledernen Sportlenkrad zu schaffen machte.
Irgendwie wurde klar, dass seine Abreise kurz bevorstand und zumindest mich beschlichen fast wehmütige Gefühle, hatte ich mich an den Tomaten fressenden und schleckenden Typen doch schon richtig gewöhnt.
Alles in allem, Dänu, mache dir bitte keine Sorgen, die diesjährige Tomatenernte ist überstanden, wir kommen bestens klar.
Unsere allerbesten Wünsche mögen dir die erträumte Katholikin bescheren (um was es dabei gehen könnte, muss ich der Phantasie der LeserInnen überlassen/mm) und uns bald ein feuchtes Wiedersehen bescheren.
Manfred A. Maier, Genova, www.prete.at
Manarola, Cinque Terre, Juni 1999 |
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