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31.03 2007 Samstag,
14:13
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Ein Engagement lockte mich für einige Tage aus meiner Wohnung in der legendären Via di Pré und meine gerade neu eingezogene Untermieterin Silvia, eine Soziologin aus Pistoia, die nach Genova zog, um sich ein Jahr ihrer Doktorarbeit zum Thema „Immigration“ zu widmen, blieb alleine zurück.
Mit den mitunter geheimnisvollen Riten und Gebräuchen nicht vertraut, wurde sie während meiner Abwesenheit kurz vor Mitternacht von lautem Hämmern aus ihren Studien gerissen. Neugierig und auch etwas besorgt, ob hier jemand in der Nachbarschaft einbricht, öffnete sie das Fenster und die schweren hohen Läden aus Holz, welche sich knarrend in ihren rostigen Befestigungen bewegen.
Sie sah gerade noch, wie sich eine geduckte Gestalt, die Hände über den Kopf haltend, im Laufschritt entfernte und konnte sich keinen Reim auf die Geschichte machen.
Als sie mir die Begebenheit schilderte, wurde mir bewusst wie traumatisiert mein Nachbar ist und fast kam so etwas wie ein schlechtes Gewissen bei mir auf.
Vor rund drei Jahren befand sich Fede(rico), der Sohn von Pippo und Anna (Dydime – die Zwillinge), mitten in seiner „das will ich haben“ und Fragephase.
Als Kind eines Poeten und Malers und einer Psychologin ging Fede von Beginn an sehr beherzt an sein Abenteuer „jetzt entdecke ich die grosse Welt“ heran und gab sich keinesfalls mit einem schlichten, „nein, dass bekommst du nicht“ oder mit einer kurzen, unverfänglichen Erklärung zu einer seiner unzähligen Fragen zufrieden.
Das Problem entwickelte sich unvorhersehbar während sie einen Spaziergang in der Altstadt machten und dabei an einem der inzwischen vor jeder Apotheke hängenden Kondom Automaten vorbeikamen.
„Was ist das?“ legte der Entdecker der grossen Welt, Fede, los und die Antwort lautete schlicht „ein Kondom“.
„Das will ich haben“ insistierte Fede folgerichtig und akzeptierte das trockene „nein, dass ist nichts für dich“ seiner Mutter keinesfalls. Mit „warum nicht, ich will das?“ läutete er einen längeren, sich wiederholenden Disput vor dem Automaten mit dem ebenso geheimnisvollen wie begehrten Inhalt ein.
Das Gespräch steuerte auf die unvermeidliche Eskalation zu, als er energisch eine Erklärung forderte, um was in aller Welt es sich für ein Ding handeln könnte, dass nichts für ihn sei.
Unvorstellbar.
Seine Mutter Anna überlegte kurz, für welche Antwort sie sich entscheiden sollte. War „um sich beim Geschlechtsverkehr vor ansteckenden Krankheiten zu schützen“ oder doch „damit es beim Liebe machen kein Baby gibt“ kindgerechter und erfolgsversprechender?
Fairerweise muss man anmerken, es war vorhersehbar, dass beide Antworten ebenso wie keine Antwort zum Unvermeidlichen führen würden. Anna entschied sich für die „kein Baby“ Variante und ist damit natürlich bei ihrem Sohn an den Falschen geraten.
Auch wenn er sich von Vögeln keine Vorstellung machen konnte, war für ihn klar „ich will ein Baby“ und er nahm damit unwillentlich ohne weiteres in Kauf, dass sein fester Standpunkt jeden fundamentalistischen katholischen „ungeborenes Leben Schützer“ zu unkontrollierten Begeisterungsstürmen hinreissen würde.
Schwer gezeichnet von der engagierten Auseinandersetzung rund um ein heikles Thema stand die Kleinfamilie wenig später vor meiner Türe.
Fedes Stimme bebte im Einklang mit dem ganzen Körper im Takt vor Empörung, die Psychologin Anna machte den Eindruck, sie hätte therapeutische Hilfe dringend notwendig und Pippo grinste wie immer mit einem „so lange ich damit nichts zu tun habe, finde ich es ungemein lustig“ Gesichtsausdruck still vor sich hin.
Sofort wandte sich Fede an mich, offenbar ohne jeden Zweifel, in mir einen Verbündeten zu finden welcher ihm bestätigt, dass die Position seiner Eltern unhaltbar und frei von jeder humanen Gesinnung sei.
Meine Rolle wird im Rückblick wenig Aussichten haben, erziehungstechnisch das Prädikat „wertvoll“ zu bekommen. Das war mir in diesem Moment völlig egal und jede noch so heimtückische List schien mir gerechtfertigt, um den Haus- und Familienfrieden wieder herzustellen. Verantwortungslos stellte ich in Abrede, dass Kondome irgend etwas mit „kein Baby machen“ zu tun haben könnten und behauptete mit Nachdruck, dass die sich in den bunten Päckchen findenden kleinen Gummischläuche vielmehr mit Wasser gefüllt und anschliessend verknotet würden, um als Wasserbomben jeden nachbarschaftlichen Kleinkrieg für sich entscheiden zu können.
Der verzückte Gesichtsausdruck von Fede wies unzweifelhaft darauf hin, dass meiner List ein in diesem Ausmass unerwarteter Erfolg beschieden war. Er beschimpfte kurz seine Mutter für ihre unverschämten Lügen um mich anschliessend mit einer Stimme, die keinen Widerspruch duldete, aufzufordern, mit ihm aus dem Haus zu gehen um am nächsten Automaten das begehrte Rohmaterial der Bombe für den Hausgebrauch zu besorgen.
Widerstand war zwecklos.
Endlich kamen wir mit dem begehrten Päckchen zu Hause an und begannen unverzüglich mit den Vorbereitungen für eine ausgedehnte Gefechtsübung in der sonst durchaus friedlichen Via di Pré. Das Fenster geöffnet und ein Stuhl an das Fenster gerückt um dem kleinen Krieger mit den grossen Ambitionen einen umfassend Ausblick auf die Wirkung dieser Uebungen zu gewähren.
Der erste Gummischlauch wurde unter aufmerksamer Beobachtung von Fede aus der Verpackung befreit, über den Wasserhahn gestülpt und mit Wasser gefüllt. Inzwischen hatte ich mich von Fedes Begeisterung anstecken lassen, was dazu führte, dass die Bombe eine beeindruckende Grösse annahm. Es gelang mir gerade noch, dass Ende des Kondoms so weit zu strecken, um einen Knoten machen zu können und schon stürmten wir mit dieser schweren Waffe, welche sich in meinen Armen wie eine galeereartige Masse anfühlte und bewegte, Richtung Fenster.
Auf dem Weg zum Gefechtsplatz wirkte sich unsere Unerfahrenheit im Bombenbau insofern unangenehm aus, dass die Bombe bereits im Eingangssaal platzte und eine Ueberschwemmung von beachtlichem Umfang verursachte. Zum Glück standen uns mit Claudia, Anna und dem ruhig beobachtenden Einsatzleiter Pippo kompetente Hilfstruppen zur Verfügung, welche sich sofort an die Arbeit machten, um den Kollateralschaden in der engeren Heimat zu beheben.
Während der uns familiär verbundene Zivilschutz noch mit den Wassermassen im Eingangsbereich kämpfte, strebten Fede und ich mit einer etwas redimensionierten Version der Bombe zum Gefechtsplatz.
Endlich beim Fenster angekommen, wurde klar, dass uns eine Strategie fehlte. Es erwies sich als ausserordentlich schwierig, in Hinblick auf die kommende Schlacht eine gemeinsame Lösung zu finden.
Naturgemäss hatte ich das zukünftige Verhältnis mit meinem Umfeld im Kopf, als ich dafür plädierte, abzuwarten, bis die Via di Pré einen Moment in der Gefechtszone menschenleer ist. Fede konnte meinen Bedenken nichts Positives abgewinnen. Und als ich mich noch dazu verstieg, im Sinne eines Kompromisses zwar den Abwurf auf das sich bewegende Objekt zuzustimmen, dies aber an die Bedingung knüpfte, sofort hinter dem Fenster abzutauchen und sich zu verstecken, hatte ich viel von meinem Ansehen, welches ich bei Fede auf Grund meiner immer wieder hervorragenden Ideen genoss, fast zur Gänze verspielt.
So kam es, dass die erste Bombe mitten in einer Gruppe auf Stadtbesichtigung einschlug und die aus diesem Umfeld folgende und durchaus verständliche Empörung bei meinem kleinen Kriegerfreund ungeahnte Triumphgefühle auslöste, welcher er mit erhobenen Armen vor Vergnügen kreischend und quietschend am offenen Fenster auslebte.
Glücklicherweise war ich gezwungen, darauf zu achten, dass Fede nicht selbst aus dem Fenster fiel und musste mich deshalb nicht im Detail mit der Reaktion der bombardierten Touristengruppe, lautstark vertreten von ihrer resoluten Reiseführerin, auseinandersetzen.
Nach zwölf Kondomen hatten wir unsere Munition verschossen und Fede bekam sich kaum ein vor Begeisterung, wie viele Feinde man sich mit einem kleinen Päckchen Kondome machen konnte.
Auch an der Via di Prè geht die Zeit nicht spurlos vorüber, immer wieder schliesst ein Fisch-, Gemüse- oder Käsehändler die Pforten seines Ladens für immer.
Während ich in jedem Einzelfall um den Verlust von Lebensqualität trauere, eröffnet an Stelle des verschwundenen kulinarischen Tempels ein Chinese sein Geschäft oder einer der inzwischen unzähligen Telefonshops, frequentiert von den Immigranten um einigermassen günstig mit der Familie in der fernen Heimat telefonisch in Kontakt bleiben zu können.
Meinem Fruttivendola (Gemüsehändler) Vis a Vis folgte ein Telefonshop, geführt von einem Mann aus Pakistan, mit dem mich ohne Worte von Anbeginn an eine gegenseitige gut ausgeprägte Antipathie verbindet.
Er steht oft vor seinem Geschäft und in den ersten Wochen nach der Eröffnung wurde bei unserem Eingangsportal wieder einmal das Schloss gestohlen. Als ich dies an einem Morgen, der nichts für meine schlechte Laune konnte, auf dem Weg zum Zeitung holen bemerkte, fragte ich ihn, ob er etwas gesehen habe.
Vernünftigerweise antwortete er mit „nein“ und war sichtlich erstaunt als ich ihm entgegnete, er solle sich das sehen besser angewöhnen, wenn er hier in guter Nachbarschaft tätig sein möchte.
Mit leicht geöffnetem Mund sah er mich an wie ein Gespenst, weitere Worte haben wir seither nicht mehr miteinander gewechselt.
Dies ist bemerkenswert und für meine Begriffe ungewöhnlich.
Der Mann schliesst seinen Laden gegen Mitternacht und benötigt dazu seit Jahren einen Hammer. Die äussere Türe seines Geschäfts – bestehend aus massiven Eisen – verriegelt er und schliesst mit einem grossen Sicherheitsschloss ab.
Einer dieser Riegel ist offenbar nur mit massiven Hammerschlägen in die dafür vorgesehene Arretierung zu bringen, ein Umstand, der mich erstaunt und selten, dann aber heftig, stört.
Wenn ich um diese Zeit in der Bibliothek ein Buch lese und gegen Mitternacht diese Hammerschläge meine Konzentration stören, bekomme ich Rachegefühle.
Die Geschichte mit Fede und den Kondomen war wegweisend für den weiteren Verlauf unserer nachbarschaftlichen Beziehung.
Eines Abends hörte ich ihn wieder hämmern und erinnerte mich an die durchschlagende Wirkung von Wasserbomben. Als ich das Fenster öffnete und den um Mitternacht handwerklich voll beschäftigen Nachbarn mittels unangekündigten Bombardement meinen Unwillen deutlich kundtat, war ich mir der vollen Zustimmung von Fede bewusst. Etwas irritiert hätte ihn vermutlich die Reaktion des Mannes. Er erhob sich aus seiner gebückten Haltung und ging tropfnass, ohne ein Wort zu verlieren oder auch nur den Kopf zu heben, seines Weges.
Wenn wir uns auf der Strasse treffen, fällt nie ein Wort über das gelegentliche nächtliche Treiben, dies obwohl zumindest ich von meiner Seite aus durchaus liebevoll und mit Engagement agiere.
Unsere Beziehung begann im Winter und ich konnte mir zufrieden vorstellen, wie der Nachbar nass und frierend nach Hause geht.
Im Sommer befürchtete ich, der Mann könnte eventuell zu Sarkasmus neigen und sich eines Tages für die Erfrischung bedanken. Dieser Gefahr beuge ich deshalb bei warmen Temperaturen vor, indem ich das Wasser mit Acrylfarben im Atelier mische. Dies ändert nichts an der erfrischenden Wirkung des sommerlichen Bombardements, die grünen, roten und blauen Flecken an der Türe seines Geschäftes und seine bisweilen etwas arg bunte Kleidung entschädigen mich aber vollumfänglich für die unerwünschte Nebenwirkung Erfrischung.
In den rund drei Jahren haben wir unsere Beziehung ruhig und wortlos hämmernd und bombend gepflegt, nie ist mir bei meinem Nachbarn eine Gefühlsregung aufgefallen.
Die Schilderung meiner Untermieterin, wie der arme Nachbar die Hände über den Kopf haltend eilig flüchtet, sobald er hört wie sich die Fensterläden öffnen, hat mich überrascht.
Bei aller Antipathie hatte ich nie im Sinn ihn zu traumatisieren.
Ich werde nächstens versuchen, mit ihm zu sprechen. Eventuell kann er sich entschliessen, seine Türe richten zu lassen und ich stelle meine Bombardements ein.
Fede werde ich davon nichts erzählen, mein Ansehen bei ihm ist mir viel wichtiger als die volle, traurige Wahrheit.
Maier Manfred, Genova, www.prete.at
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