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11.10 2006 Mittwoch,
19:26
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wer kann sich heute noch leisten, nicht kulturbegeistert zu sein? niemand, so überlege ich nicht lange und bin freudig dabei.
das erste problem stellt sich mir bereits, wenn ich meine wohnung in der altstadt verlasse. zur kultur meiner napolitanischen nachbarn gehört es offenbar, gelegentlich einen müllsack aus dem fenster zu werfen.
weshalb ich meine wiener kultur, welche mich nötigt, mich besoffen von wein in den städtischen kulturrausch zu stürzen, mit bedacht handhabe.
ohne grosse unterredungen haben sich die napolitanische und die wiener kultur verständigt. die eine kultur geht einigermassen nüchtern aus dem haus, um von allfälligen napolitanischen kulturumtrieben nicht überrascht und schmerzhaft an weiterem kulturellen treiben gehindert zu werden.
die napolitanische kultur hat dafür zur kenntnis genommen, dass die wiener kultur gelegentlich unfähig zur gegenwehr kulturtrunken nach hause kommt und unterlässt deshalb ab etwa zwei uhr in der nacht alle kulturellen aktivitäten.
ein fixpunkt meiner kulturellen sehnsüchte stellt die galerie studio 44 dar. der vico colalanza, in welchem sie sich befindet, ist ganz nahe bei meiner wohnung und wird von dem österreicher michael blume kulturtrunken betrieben.
der mann ist ein dauerkonvertit, weshalb er auch österreicher und nicht wiener ist. seit längerem spare ich mir die frage „säufst du wieder“, dass nächste mal „säufst du nicht mehr“ und so weiter.
für einen kulturtrunkenen ist der mann eine echt unsichere nummer. dafür kommt sein wankelmut gelegentlich dem kulturtrinken zugute.
er organisiert laufend gutbesuchte austellungen, welche ich wenn immer möglich anlässlich der vernissagen besuche.
vernissagen haben den vorteil, dass sie sozusagen ein kulturkonzentrat darstellen. bilder, objekte, performance, menschen, kritiker (lachen sie nicht – die fallen nicht notwendigerweise unter menschen), buffet, ergeben eine trunken machende mischung.
wahre meister der kulturbesoffenheit warten leicht nervös auf die eröffnung des buffets. hier sollte sich der kenner an seiner erfahrung mit den frauen orientieren. je besoffener der mensch, umso reizvoller das objekt seiner begierde.
auf das buffet umgelegt heisst dies vereinfacht, dass meist die besseren flaschen wein zuerst an der reihe sind, was den vorteil hat, dass der nachfolgende fusel bei richtiger vorheriger dosierung wie eine wunderschöne frau daherkommt.
dermassen eingestimmt, wird es zeit sich der darstellenden kunst zu widmen. anfängern sei empfohlen, von anfang an den geübten kunstkenner hervorzukehren. und sich keinesfalls von den irritierten blicken der gesprächspartner einschüchtern zu lassen.
italiener sind des öfteren in gesellschaft furchtbar gut erzogen, sagen dauernd „sehr interessant, darüber muss ich nachdenken“ und haben keinerlei zugang zur robusten kritik einer kulturtrunkenen wiener seele.
das problem stellt sich bestenfalls während den ersten zwei oder drei mal ihrer anwesenheit. nachher neigen einige vernüftigerweise dazu, sie nicht mehr ernst zu nehmen und gehen ihnen unaufällig, immer mit einem freundlichen „nur nicht reizen“ lächeln im gesicht, aus dem weg. die anderen stellen sich tapfer ihrem promilleträchtigen kulturenthusiasmus und lauschen andächtig nichtssagenden und wortreichen ausführungen.
da haben sie dann pech gehabt, die sind nämlich wirklich nett. gehen sie ihnen mit einem lächeln unauffällig aus dem weg und geniessen sie einige gläser wein, der kultur zuliebe.
und sollten sie kulturtrunkene napolitanische nachbarn haben, gehen sie besser nach der vernissage noch in eine gemütliche kneipe auf ein paar pastis.
viel lieber schwer betrunken, als ein konflikt der kulturen.
dann haben sie kultur verstanden, deren oberster grundsatz nur lauten kann: leben und leben lassen.
genova, 24.02.2006
Manfred A. Maier PreTe(atro) Theater- und Schreibwerkstatt
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